INTERVIEW

Der Untergrund im Wienerherz


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN FRÜHLING 2018

Text — Nikolaus Prokop
Fotos — Katharina Stögmüller

Mit „Braunschlag“, „Altes Geld“ oder „Willkommen Österreich“ hat David Schalko satirische TV-Geschichte geschrieben. Nun erscheint sein erstes Gangsterepos.

 

Mit „Schwere Knochen“ hast du ein Buch geschrieben, das in seiner Art wohl einzigartig sein dürfte: einen tiefschwarzen Gangsterroman im düsteren Wien der Nachkriegsära. Wie kommt man auf ein solches Thema, das bisher geradezu wörtlich im Untergrund verborgen war?

David Schalko: Das große Gangsterepos ist ja eher ein Teil der amerikanischen Kultur, in Österreich gab es bisher nicht allzu viele vergleichbare Beispiele. Nicht etwa, weil hierzulande kein organisiertes Verbrechen existieren würde, nur war der Umgang mit dem Thema gerade in der Ära der Besatzungs- und Nachkriegszeit wesentlich versteckter und diskreter. Vieles hat sich hinter vorgehaltener Hand abgespielt, das Wegschauen und Stillschweigen hatte man ja zuvor auch in den Jahren des Dritten Reichs bereits gut gelernt. Die großen US-Gangster der Dreißiger- und Vierzigerjahre standen quasi während ihrer gesamten Laufbahn im grellen Rampenlicht und waren gleichermaßen als Staatsfeinde wie als Volkshelden populär. Die Wiener Gangsterszene der Vierziger- und Fünfzigerjahre hat sich im Vergleich dazu eher in einer kleinen dunklen Seitengasse abgespielt, war in den Hinterzimmern der Vorstadtcafés zuhause und in den Kellern der Schmuggler und Schwarzmarkthändler. Es ist ja auch bezeichnend, dass „Der Dritte Mann“ kein österreichischer, sondern ein britischer Film ist: Die Tür zum kriminellen Untergrund Wiens zu öffnen, wäre Österreichern so knapp nach dem Krieg wohl noch zu heikel gewesen. Deshalb hat mich dieses Thema, dieses Milieu immer schon sehr fasziniert, Verstecktes und Verbotenes ist ja oft doppelt so interessant. Die Idee zu „Schwere Knochen“ trage ich daher schon ein Jahrzehnt lang mit mir herum, es gab auch den Plan, einen Film daraus zu machen. Nun ist es eben ein Roman geworden.

Stilistisch präsentiert sich „Schwere Knochen“ in einer ganz eigenen Handschrift: Die Direktheit der Milieusprache erinnert manchmal ein wenig an Wolf Haas, der eindrückliche Rhythmus der Erzählmelodie erweckt wiederum Reminiszenzen an Thomas Bernhard. Ist nach den satirischen Kult-TV-Serien nun der literarische Kult-Krimi an der Reihe?

David Schalko: „Schwere Knochen“ ist durchaus eine logische Fortsetzung von „Braunschlag“ und „Altes Geld“. Jedes Mal ist Gier das zentrale Motiv.

DAVID SCHALKO


geboren 1973 in Waidhofen an der Thaya im Waldviertel, lebt in Wien als Regisseur, Autor und Entwickler von Fernsehsendungen. Nach ersten Versuchen als Lyriker arbeitete er als freier Werbetexter und Regisseur und feierte 2003 seinen ersten großen Erfolg mit der Goldenen Romy für die „Sendung ohne Namen“.

Neben TV- und Filmerfolgen wie „Willkommen Österreich“, „Aufschneider“, „Wie man leben soll“, „Braunschlag“ oder „Altes Geld“ hat Schalko auch drei Romane veröffentlicht: „Frühstück in Helsinki“ (2006), „Weiße Nacht“ (2009) und „Knoi“ (2013).

 




„Nach ‚Braunschlag‘ und ‚Altes Geld‘ ist dieses Buch nun der dritte Teil einer Trilogie der Gier."

David Schalko


 

Der Roman ist, auch wenn es diesmal um ein historisches Thema geht, somit gewissermaßen das Finale einer Trilogie der Gier. Und die Entscheidung, aus dem Stoff ein Buch zu machen, ist alleine schon der Sprache zu verdanken. Stil war in der damaligen Unterweltszene durchaus ein Thema, als Ehrenkodex, der klar definierte, was im Rahmen der Gangsterehre zulässig war und was nicht. Es gab Zeiten, in denen es zum Beispiel als „unelegant“ galt, eine Schusswaffe zu benutzen. Und ebenso, wie das Wort „Gangsterehre“ bereits ein Widerspruch in sich ist, prägt diese Doppelbödigkeit natürlich auch die Sprache, die, wie bei Haas und Bernhard, vor allem auch eine sehr österreichische ist. Eine Sprache, in der das Gesagte nicht immer das Gemeinte sein muss, deren Humor oft pechschwarz ist und in der Wahrheit und Legende oft kaum voneinander zu unterscheiden sind. Deswegen wird vieles im Buch ganz bewusst in der Möglichkeits- und Legendenform erzählt: Die Dinge könnten sich durchaus so ähnlich zugetragen haben – oder eben auch nicht.

So elegant der Stil, so hart ist der Kontrast zur inhaltlichen Schonungslosigkeit, bei der sich die spannende Frage stellt: Was davon waren tatsächlich „True Crimes“ der österreichischen Kriminalgeschichte? Und was ist literarische Fiktion?

David Schalko: Zur Hauptfigur des Ferdinand Krutzler, genannt „Notwehr-Krutzler“, dessen Laufbahn das Buch über drei Jahrzehnte hinweg verfolgt, hat es durchaus eine reale Entsprechung gegeben: Josef Krista, auch als „Notwehr-Krista“ bekannt, dem es während seiner kriminellen Laufbahn in den Sechzigerjahren immer wieder recht elegant gelang, einschlägige Delikte vor Gericht als Notwehr glaubhaft zu machen.


Going Underground: Regisseur und Autor David Schalko spricht im legendären Wiener Café „Stadtbahn“ über sein neues Gangsterepos.

 


 
 

 

Und genauso wie Josef Krista haben auch so manche andere Kriminallegenden Eingang in das Buch gefunden: Die „Große Galerie“ als Verbund der hochrangigen Unterwelt Wiens hat es nach dem Krieg genauso gegeben wie zum Beispiel die „Platten“ genannten Gangs, die sich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren blutige Bandenkriege geliefert haben. Und neben dem „Notwehr-Krista“ gab es berühmte Figuren mit berüchtigten Namen wie den „G’schwinden“, die „Schmutzer Buam“, die „Wilde Wanda“ und noch so manche mehr, die Inspirationen für den Roman geliefert haben. Einige dieser Storys sind in Kriminalarchiven dokumentiert. Vieles erfährt man allerdings nur, wenn man in manchen Wiener Lokalen mit einem gewissen Ruf mit Leuten plaudert, die damals Zeitzeugen waren.

Mit „Schwere Knochen“ hast du also aus erzählter Geschichte zum ersten Mal geschriebene Geschichte gemacht?

David Schalko: Dieses Stück Zeitgeschichte zu bewahren, wenn auch in literarisch verfremdeter Form, war mir sehr wichtig – über dieses Thema ist ja bisher kaum geschrieben worden. Und bei aller Härte ist das Buch auch durchaus eine sentimentale Spurensuche nach einem Wien, das es so schon längst nicht mehr gibt. Einen kleinen Zipfel von diesem rückblickend recht grauen, räudigen Wien, das in der Erinnerung beinahe ein wenig Ostblock-Charme hatte, habe ich noch als Kind in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren mitbekommen. Vieles davon ist mittlerweile längst verschwunden, Wien präsentiert sich heute vordergründig als hippe, internationale Großstadt. Umso spannender ist es daher, das Hinter- und Untergründige wieder zu Tage zu fördern, diese Relikte von damals wieder spürbar zu machen, die ähnlich obskure Legenden verkörpern wie das Café, in dem wir gerade sitzen. (Anm.: das seit ca. 120 Jahren bestehende Café „Stadtbahn“ in Wien-Währing.)

Nicht nur in „Schwere Knochen“, auch in einem weiteren Projekt befasst du dich mit diesem schwierigen zeitgeschichtlichen Kapitel, allerdings in modernisierter Form: Der Fritz-Lang-Filmklassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ soll 2018 unter deiner Regie als Mini-Serie ins Fernsehen kommen.

David Schalko: Wir drehen bereits seit Jänner an einem Sechsteiler, der die Story allerdings von den Dreißigerjahren ins Heute transponiert und von Berlin nach Wien. Spannend sind vor allem die gesellschaftlichen Parallelen: Fritz Lang hat 1931 mit diesem ersten Tonfilm-Serienkiller-Thriller, in dem die Verbrecherszene einer Stadt sich mit der Polizei und der Bevölkerung bei der Mörderjagd ein Wettrennen liefert, sehr eindrucksvoll eine unterschwellige Vorahnung des späteren totalitären Naziregimes spürbar gemacht. Knapp neunzig Jahre später sind diese Themen um nichts weniger brisant, nur präsentieren sie sich heute als globale Überwachungsgesellschaft sowie als Mobbing, Ausgrenzung und Intoleranz in beängstigend rapide wachsender Form. Und die erschreckendste Thematik des Films: Der Killer soll nicht etwa gefasst werden, um weitere Morde zu verhindern. Sondern damit hinter den Kulissen die noch weitaus größeren Verbrechen ungestört weitergehen können.

 

Schwere Knochen


Wien, 1938. Eine Bande von Kleinganoven raubt die Wohnung eines prominenten Nazis aus. Die Jugendlichen landen im KZ und werden nach ihrer Rückkehr, vollkommen verroht, zu den Spitzen der Unterwelt im zerbombten Nachkriegswien. Doch nach einer steilen, jahrzehntelangen Gangsterkarriere wird die eingeschworene Truppe rund um den legendären „Notwehr-Krutzler“ nach und nach vom Schicksal eingeholt. Erhältlich ab 12. April
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