CORTI AM ZUG

Restaurant-Check: Kunst kommt von Knödel


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN WINTER 2017
Text — Severin Corti

Die Erdäpfelknödel der Gerti Sodoma sind legendär: nur ein Indikator für die Wirtshausherrlichkeit, die einen im Gasthaus zur Sonne in Tulln erwartet.

Vom Bahnhof Tulln zum Gasthaus zur Sonne, vulgo Sodoma, sind es kaum 100 Meter. Das ist gut, vor allem, wenn es hinterher retour geht. Manch einer soll die Zeit – insbesondere jene der Abfahrt des letzten Zugs – nach einem Essen hier ganz einfach vergessen haben. Dass der außerordentliche Weinkeller des Pepi Sodoma dafür ein Grund sein könnte, ist natürlich Spekulation. Dass die Anfahrt mit der Bahn aufgrund dieses Weinkellers noch empfehlenswerter ist, als sie es aus Gründen der Stressvermeidung und Nachhaltigkeit ohnehin wäre, gehört aber unterstrichen. Hier gibt es Raritäten aus den berühmtesten, aber auch aus wenig beachteten Top-Lagen des Landes zu entdecken, dazu Schätze aus dem Burgund, dem Bordelais oder aus Piemont. Gemeinsam mit seiner Frau Gerti betreibt Pepi Sodoma seit 1982 den Gasthof mit der alten Schank, dem Fußboden aus Steinholz und den riesigen Bogenfenstern. Davor hatten sie das Bahnhofswirtshaus von Tulln über, da war die Anreise noch ein Alzerl kommoder. Ist aber so lange her, dass sich auch in Tulln kaum jemand wirklich daran erinnert. Mindestens so toll wie der Weinkeller ist Gerti Sodomas Küche. Dass es im schön geschwungenen Durchgang zwischen Küche und Schankstube keine Tür gibt, darf als Hinweis gelten, dass sie nix zu verstecken hat. Hier wird blitzsauber gearbeitet, hier kommen nur erstrangige Produkte zum Einsatz, hier sitzt jeder Handgriff in routinierter, niemals hektischer Betriebsamkeit. Das Ins-Wasser-gleiten-lassen der legendären, golfballgroßen Erdäpfelknödel zum Beispiel, die Minuten später mit ihrer idealen Balance aus Mürbheit und Elastizität den knappen, aber unendlich aromatischen Saft der knusprigen Freilandente aufsaugen werden. Ein feinst gehobelter, mit Schmalz und Apfelessig, nicht zu wenig Kümmel und kleinst gewürfeltem Speck angemachter Krautsalat (warm natürlich!) wird in ein Extraschüsserl dazu geschöpft. Ob sich Blaufränkisch vom Leithaberg oder doch Pinot Noir aus der Schweiz da auf ideale Weise anschmiegen würden, wird Pepi Sodoma im Zwiegespräch mit dem Esser klären. Die gratinierten Kutteln in zarter Sauce aus Riesling und Butter sind Innereienfreunden jederzeit eine Reise wert. Das Rehragout mit saftigem Fleisch, dichtem und keineswegs schwerem Schmorsaft und, schon wieder, diesen Prachtsknödeln, rechtfertigt ausgedehnte Verdauungsspaziergänge. Und wie Gerti Sodoma die Kalbsleber in Geschmack und Konsistenz so unfassbar zart hinschmeichelt, kann man nur erahnen. Und erst die Nachspeisen: Ob buttrige Topfenmohntascherl mit Himbeerragout, flaumige Topfenknödel mit Marillenröster oder die vielleicht mollig-knusprigsten Marillenpalatschinken der ganzen Welt – aus Sodomas Küche kommen sie so fix, als wären sie die normalste Sache der Welt.
Basic Infos:


Gasthaus zur Sonne,
Bahnhofstraße 48,
3430 Tulln an der Donau,
Tel.: +43 2272/64 616

Küche:
Di–Sa 11–13.30
und 18–21 Uhr,
Hauptspeisen € 12–29,
nur Barzahlung!

Tipp: Der Zwiebel­rostbraten mit klassischem Natursaftl und selbstredend selbstgebackenen Knusperzwiebeln gilt Kennern als herausragendes Exemplar seiner Art!

 


Gerti und Pepi Sodomas Wirtshaus ist gleich beim Tullner Bahnhof. Die feingliedrige Wirtshausküche – im Bild Rehragout mit Erdäpfelknödel – ist mindestens so verlockend wie die tolle Weinauswahl.




SEVERIN CORTI
Restaurantkritiker

Severin Corti ist der profilierteste Restaurantkritiker des Landes.
Hier empfiehlt er Wirtshäuser
in Bahnhofsnähe, die eine
Reise wert sind.

Credits: © Fotos: Gerhard Wasserbauer; Illustration: Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com
 
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