ERLEBNIS BAHN FAHREN

Die längste ZUGFAHRT
der Welt


Text — Nikolaus Prokop

Bahn-Erfahrung statt Bahnfahrt: Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn am wahren Pulsschlag Russlands.



Für die einen bedeutet sie ein Abenteuer – für die anderen nur gewöhnlichen Alltag. Denn für die Mehrzahl der Russen ist die Transsibirische Eisenbahn kaum mehr als ein Pendlerzug.
Geschäftsleute, Studenten und vor allem ein wahres Heer an Soldaten nutzen sie Tag für Tag, um von daheim zu weit entfernten Terminen, Universitäten und Armeestützpunkten zu gelangen. In früheren Zeiten, als die Preise für Flugtickets und Luftfracht noch ungleich höher lagen, waren ihre Abteile dafür berühmt, neben Passagieren vor allem auch mit einem bunten Sortiment an Waren aller Art vollgestopft zu sein: Handlungsreisende benutzten den Zug gerne als rollendes Warenlager und wickelten gelegentlich auch ihre Geschäfte gleich an Bord ab, wenn Kartons mit beinahe echten Marken-Sportschuhen aus chinesischer Fertigung und Kisten mit Wodka von Abteil zu Abteil ihre Besitzer wechselten.

 





 
Must-see für jede Transsib-Fahrt ist der Baikalsee. Die Naturschönheit erreicht man von den Städten Irkutsk oder Severobaikalsk aus, die beide auf der Strecke liegen.

Der Baikalsee in Sibirien ist der weltgrößte Süßwassersee. Den schönsten Blick auf ihn genießt man auf dem Tscherski-Berg.

 
Für Ausländer und Touristen hingegen bedeutet die längste Eisenbahnstrecke der Welt zugleich das wohl größte romantische Zugfahrt-Abenteuer, das dieser Planet zu bieten hat – über 9.298 km hinweg und an mehr als 400 Bahnhöfen entlang zwischen Moskau im Herzen des Landes und Wladiwostok an der Küste des Pazifik. Eine Fahrt, die hautnah erspürbar macht, was sich tatsächlich hinter der Seele der flächenmäßig größten Nation der Erde verbirgt: „Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land“, hatte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts der russische Diplomat und Dichter Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew versucht, den kaum rational, dafür umso emotionaler erfassbaren Nationalcharakter seines Landes zu umreißen.
Was diese Worte tatsächlich bedeuten, erfährt man als komfortverwöhnter Mitteleuropäer am ehesten, wenn man sich der Transsibirischen Eisenbahn gewissermaßen von ihrer puren, unverfälschten Basis her nähert. Denn natürlich gibt es einerseits die Möglichkeit, zum Beispiel eine Fahrt im Sonderzug „Zarengold“ zu buchen und die Strecke von Peking nach Moskau im Rahmen einer 16-tägigen Luxusreise im filmreif mit rotem Samtplüsch und edlen Holztäfelungen dekorierten Erste-Klasse-Abteil zurückzulegen – mit Dusche an Bord, einem exquisiten Menü-Angebot, das sich wie eine Partitur gehobener russischer Lebensart liest, und sämtlichen Annehmlichkeiten modernen Zugkomforts.


Die „neue Stadt in Sibirien“ – das ist Nowosibirsk. 1893 befahl Zar Alexander III., dem 2012 ein Denkmal am Flussufer des Ob errichtet wurde, den Bau der Transsibirischen Eisenbahn zu Handelszwecken.

 

 

Abenteuer im Großraumwaggon
Allerdings: Die klimatisierte Abgeschlossenheit des Zwei-Personen-Abteils der sogenannten Lux-Klasse (oder der günstigeren Kupe-Kategorie mit vier Zweite-Klasse-Schlafplätzen) ist nur eine Möglichkeit, die Welt der Transsibirischen Eisenbahn zu erleben – eine zwar äußerst angenehme, für abenteuerliche Puristen, die gerne etwas näher am Herzschlag Russlands unterwegs sein möchten, vielleicht aber auch ein wenig zu luxuriös gefilterte Reiseerfahrung.
Das Zauberwort für Abenteurer lautet daher: Platzkartny. Denn dieses unverkennbar aus dem Deutschen stammende Lehnwort bedeutet: Reisen in der 3. Klasse, dem Großraumwaggon mit 54 Schlafplätzen!
Das mag zwar recht gewöhnungsbedürftig klingen und bedeutet klarerweise auch ein sehr eingeschränktes Ausmaß an Privat­sphäre – doch genau das ist der entscheidende Punkt. Denn die Platzkartny hat die zwingende Eigenschaft, Menschen einander auf eine Weise nahezubringen wie kaum eine andere Reiseform. Und sie belohnt den Komfort­verzicht mit einer bunten Vielfalt an Eindrücken, Begegnungen, Bekanntschaften, ja oft auch Freundschaften, die für lebenslang bleibende Erinnerungen und einen überbordenden Fundus an Reiseanekdoten sorgen. Sicher ist auf jeden Fall: Man entsteigt dem Zug als anderer Mensch als zu Beginn der Reise und mit einem deutlich gewachsenen Wortschatz an Basis-Russisch und Rudimentär-Chinesisch.


Zum Start oder zu Abschluss der Reise Moskau erkunden: Vom Roten Platz bis zum Kreml mit seinen berühmten Türmchen.


 


„Russland kann man nicht verstehen. Nur glauben kann man an das Land.“

Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew


 

In Peking kann neben der Chinesischen Mauer – Welterbe der UNESCO – auch die berühmte Grabstätte der Ming-Dynastie besichtigt werden.

Russland pur und ungefiltert
Denn inzwischen hat man zum Beispiel mehrmals mit einer chinesischen Familie das Abendessen geteilt. Und sich dabei durch einen Teil ihres scheinbar unerschöpflichen Vorrats an Fertig-Nudelsuppen gekostet, die mit Heißwasser aus dem ständig vor sich hin köchelnden Samowar am Ende des Ganges zubereitet werden. Oder man hat mit den russischen Nachbarn von drei Betten weiter spontane Wodka-Partys gefeiert und dazu große Stücke fetten Speck gegessen, der stets vorsorglich in der Proviant­tasche mitgeführt wird – zur Neutralisierung der erheblichen Alkoholmengen. 
Man hat unzählige Reise- und Lebensgeschichten erzählt bekommen oder selbst erzählt, mal in gebrochenem Englisch, mal von Mitreisenden übersetzt, manchmal auch nur in behelfsmäßiger Gebärdensprache. Und man hat erlebt, wie sich der manchmal etwas herbe Charme der Provodnitsas, der Schaffnerinnen, die sich z.B. auch mit Bettwäsche oder pikant gefüllten Pirozhki vom Snackwagen um das Wohl der Platzkartny-Fahrgäste kümmern, im Lauf der Tage in echte Herzlichkeit verwandelt – und in Witze, die man zwar kaum ersteht, zu denen man aber gemeinsam mit dem ganzen Waggon trotzdem laut lacht. Natürlich: Nicht nur die Menschen an Bord machen eine Reise in der Transsibirischen Eisenbahn zu einem prägenden und bleibenden Erlebnis.
 
 

Auch der große, draußen vor dem Fenster still und majestätisch vorüberziehende Hauptdarsteller Russland sorgt für Eindrücke, wie sie wohl kaum eine andere Bahnfahrt zu bieten hat – sowohl in seiner geradezu meditativ wirkenden landschaftlichen Unermesslichkeit als auch in der kaum während einer einzigen Fahrt bewältigbaren Vielfalt der Besichtigungsmöglich­keiten, der kulturellen, architektonischen und historischen Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke. 

Als unverzichtbarer Reisebegleiter sei daher das soeben in neuer Auflage erschienene Transsib-Handbuch (Trescher Verlag) von Hans Engberding und Bodo Thöns empfohlen, das in kompakter, aktueller und übersichtlicher Form alles zu Strecken, Stationen, Stopps, Städten und Sehenswürdigkeiten zusammenfasst und praktische Tipps für das Leben an Bord gibt. Denn schließlich: Je größer das Abenteuer, desto gründlicher die Vorbereitung! 

 

Reiseplanung

ÖBB Rail Tours bietet drei Beispiel-Reisen an, die individuell angepasst werden können: Die Transsib auf ihrer ganzen Länge (Moskau-Wladiwostok) gibt's in 21 Tagen. Moskau-Peking dauert 17 Tage und die umgekehrte Variante von Peking nach Moskau dauert 12 Tage. Übernachtungen je nach Route im 4-Bett-Abteil, in Hotelzimmern oder Privatunterkünften. Alle Infos, Preise und Buchung online unter railtours.oebb.at oder in Ihrem ÖBB Reisebüro am Bahnhof, 17 × in Österreich.

GOOD TO KNOW


1
Die Transsib in Zahlen #1
Nach 25 Jahren Bauzeit, in denen 89.000 Arbeiter 9.302 km Schienen verlegten, wurde die Strecke 1916 in Betrieb genommen. Die Hauptstrecke beträgt 9.298 km.

2
Die Transsib in Zahlen #2
Acht Zeitzonen, zwei Kontinente, 189 Städte, die Überquerung von 16 Flüssen und Strömen und durchschnittlich 58 Kilometer Wegstrecke pro Stunde nimmt man „mit“.

3
Ohne Stempel geht’s nicht
Reiseversicherung und Visa für Russland und die Mongolei nicht vergessen! Für ein russisches Visum benötigt man eine amtliche Einladung, die man im Vorfeld organisieren und bezahlen muss.

4
Das sollte unbedingt mit
Ohrstöpsel, Thermosbecher (für Tee, Instant-Kaffee oder Nudelsuppe), Stirnlampe (z.B. für nächtliche Toiletten-Gänge), Klopapier, Seife und Camping-Handtuch.

Credits: © Fotos: iStock; getty images; Illustration: Gina Müller, carolineseidler.com
 
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