CITYTRIPS NACH BELLA ITALIA 

„FACCIAMO UNA
BELLA FIGURA!“


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN SOMMER 2017
Text — Nikolaus Prokop

Jede Stadt Italiens schwört darauf, die schönste des Landes zu sein. Doch welche soll man bereisen? Die richtige Antwort darauf: Am besten alle der Reihe nach!

 
Es gibt eine typisch italienische Eigenheit, die zwar nur schwer übersetzbar, aber dafür umso einfacher begreifbar ist: den Campanilismo. Worum es dabei geht, versteht man zum Beispiel ziemlich schnell, wenn man in Venedig den Aufzug hinauf zur Turmspitze des Campanile di San Marco nimmt. Denn vom subjektiven Blick ihres eigenen prachtvollen Glockenturms, dem Campanile, aus gesehen, betrachtet sich nicht etwa nur die gerne poetisch als „Perle der Adria“ bezeichnete Lagunenstadt, sondern absolut jede Stadt Italiens mit größtem Stolz und höchstem Selbstbewusstsein als die schönste, traditionsreichste und lebenswerteste, in jedem Fall aber herausragendste und damit besuchenswerteste des Landes!
Dieser konsequent auf Konkurrenz bedachten Form des Lokalpatriotismus (der Campanilismo macht nicht zuletzt auch die italienischen Tifosi zu den überzeugtesten Fußballfans der Welt) möchte man als reisender Besucher schon rein aus Höflichkeit nur ungern widersprechen.

 

 
 
Nur: Die Entscheidung, welche Stadt man denn nun am ehesten als Reiseziel in Betracht ziehen sollte, wird dadurch nicht unbedingt einfacher. Außer natürlich, man folgt dem eleganten italienischen Lebensprinzip des far bella figura: keinesfalls unangenehm aufzufallen, stets den besten und stilvollsten Eindruck zu machen sowie salomonische Entscheidungen zu treffen, die allen gerecht werden und niemand benachteiligen. Und nach diesem Prinzip lautet die diplomatisch ideale Antwort: Am besten alle Städte der Reihe nach!
Das ungeschriebene Gesetz der bella figura fängt jedenfalls schon beim Reisegepäck an: Wer etwa Socken zu Sandalen trägt, abends in Shorts im Restaurant erscheint oder in mittlerem Alter noch immer in der Garderobe eines Teenagers herumläuft, hat sofort sämtliche Stilnoten auf der gesamten Halbinsel verspielt und deklariert sich unwiderruflich als ignoranter Tourist.
 

Aperitivo alla Milanese
Denn nicht umsonst ist Italien und hier speziell Mailand nach wie vor stilbewusster Mittelpunkt der globalen Fashion-Industrie, eine Tatsache, der man mit zumindest ein, zwei schickeren Stücken in der Reisetasche unbedingt Respekt zollen sollte – oder auch mit einem Abstecher ins Quadrilatero d'Oro, dem nördlich des Doms gelegenen Shopping-Straßengeviert der Stadt, in dem die Top-Designer einander förmlich an gutem Geschmack überbieten. Und wer sich in vertretbarer Weise an den Dresscode hält, darf sich z.B. in der Bar Basso, dem berühmten Hotspot der Mailänder Kunst- und Kulturszene, über einen typischen Aperitivo Milano freuen: Zum Drink wird nach dem All you can eat-Prinzip eine Auswahl an Stuzzichini serviert, kleine Appetithäppchen, die nicht nur delikat, sondern oft auch noch gratis sind, wie in vielen trendigen Bars Mailands, die am frühen Abend den Aperitivo geradezu rituell zelebrieren. Die Spezialität des Hauses, die man sich in der Bar Basso keinesfalls entgehen lassen sollte, ist übrigens der sogenannte Negroni Sbagliato, was sich nur sehr behelfsmäßig mit „verpatzter Negroni“ übersetzen lässt: Angeblich verwechselte einst im abendlichen Trubel der Barkeeper versehentlich (oder absichtlich?) die Gin- mit der Proseccoflasche und kreierte so statt eines klassischen, aus Gin, rotem Vermouth und Campari gemixten Negroni-Cocktails eine neue, frische und speziell im Sommer umso bekömmlichere Variante, die in der Bar Basso nun allabendlich geradezu den Treibstoff für angeregte, nächtelange Bargespräche liefert. Wenn es darum geht, die Reisegarderobe um ein paar kleine Stilkorrekturen zu erweitern, bietet auch Udine ein wahres Paradies für einkaufsfreudige Fashionistas. Nicht nur in der Hauptstadt von Friaul-Julisch Venetien selbst, sondern vor allem auch im Hinterland der Adria-Badeorte Grado, Lignano, Caorle und Jesolo locken zahlreiche Outlets und Fabriksverkäufe zur Schnäppchenjagd, neben Mode vor allem auch bei Wohndesign. Ein kleiner Ausflug von Udine Richtung Norden nach San Daniele oder nach Westen Richtung Cividale ist vor allem in kulinarischer Hinsicht lohnend, nicht nur wegen des ohnehin weltweit legendären Rohschinkens, sondern vor allem, weil es im hügeligen Weinland Friauls noch so manchen Geheimtipp zu erforschen gibt. Etwa den minimalistisch modernisierten Landgasthof L’Argine a Vencò in Dolegna del Collio an der slowenischen Grenze, den die Triestinerin Antonia Klugmann mit einem Michelin-Stern zu einem neuen Must-see der jungen, innovativen Gourmetszene Norditaliens gemacht hat.


Legendäre Flaniermeile: die Spanische Treppe in Rom zwischen der Kirche Santa Trinità dei Monti und der Piazza di Spagna.

Stil ist in Italien selbstverständlich – und Snacks zum Aperitivo gratis.


Kultur-Pflichttermin Biennale Wer Norditalien im Sommer besucht, kommt in Venedig an der Biennale di Venezia kaum vorbei, die bedeutendste Kunstausstellung der Welt, die heuer noch bis 26. Novem­ber zum 57. Mal stattfindet. Unter dem Motto Viva Arte Viva legt Kuratorin Christine Macel vor allem den Schwerpunkt auf feministische Positionen in der Kunst, u. a mit der Gestalterin des deutschen Pavillons Anne Imhof und US-Performance-Pionierin Carolee Schneemann, die für ihr Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Ein besonderes Highlight: der österreichische Pavillon, dessen Konzept gleich zwei renommierte Stars der österreichischen Kunstszene präsentiert, Erwin Wurm und Brigitte Kowanz. Kulturliebhaber kommen diesen Sommer selbstverständlich auch in Verona auf ihre Kosten, wenn an insgesamt 48 Abenden noch bis 27. August das 95. Opera Festival 2017 in der Arena von Verona startet, mit einem besonderen Höhepunkt am 21. Juli: Tenor-Legende Plácido Domingo kehrt im Rahmen einer großen Gala noch einmal in die legendäre Arena zurück. Ein weiteres Highlight: der Verdi-Opernklassiker Aida in gleich zwei höchst unterschiedlichen Versionen, einmal in der monumentalen Rekonstruktion einer historischen Inszenierung aus dem Jahr 1913 und einmal in der modernen Interpretation der katalanischen Eventtheatertruppe La Fura dels Baus.

Fündig wird man in Venedig vor allem auch abseits der touristischen Trampelpfade wie z.B. dem Mercato di Rialto.


Verona ist eine Fahrradstadt: Große Teile des Zentrums sind nur zu Fuß oder per Bike erreichbar.

 


Historisches Labyrinth: Venedig ist einer der schönsten Orte der Welt, um sich darin zu verirren.

Ein Kulturerlebnis der besonderen Art hat auch Bologna in diesem Sommer zu bieten, wenn mit Van Gogh Alive – The Experience noch bis 30. Juli die erfolgreichste Multimedia-Ausstellung aller Zeiten nach den USA, Russland und kürzlich Rom nun auch Station in der Chiesa di San Mattia macht: In einer rund 3000 Bilder umfassenden Inszenierung wird Van Goghs Biografie und Schaffensperiode von 1880 bis 1890 in gigantischem Maßstab als begehbare Installation zu klassischer Musik lebendig erlebbar gemacht.
Das Kolosseum in neuem Licht
Fans moderner Klänge sollten sich diesen Sommer keinesfalls das Firenze Summer Festival 2017 in Florenz entgehen lassen, bei dem u. a. Jamiroquai sowie die Indie-Top-Acts Arcade Fire und The XX gastieren, beim bis Ende Juli stattfindenden Estate Fiesolana im Teatro Romano di Fiesole ist u. a. Fusion-Jazzer Billy Cobham zu Gast sowie Peter Hook, Ex-Bassist der New-Wave-Legenden Joy Division und New Order mit seiner neuen Band Peter Hook & The Light. 

Gardasee bei Verona: Idyllisches Paradies für Badeurlauber und Wassersportler.

Eine Großausstellung zur Historie des Kolosseums in Rom fördert erstaunlich modern anmutende Fakten zutage.


Last but not least wartet auch Rom heuer mit einem bislang noch nicht dagewesenen kulturellen Event auf: Mit der aktuellen, noch bis Anfang 2018 laufenden Großausstellung Coliseum – An Icon enthüllt das meistbesuchte historische Monument der Welt erstmals im großen öffentlichen Rahmen seine einzigartige und oft verblüffende Geschichte bis ins letzte historische Detail. Unter anderem fördert die Ausstellung erstaunlich modern anmutende Fakten zutage wie z.B. die aufwändigen, einst im Inneren des Kolosseums installierten Maschinen für spektakuläre Spezialeffekte, das komplizierte mechanische Sonnendach-System oder seine luxuriösen VIP-Lounges für prominente Römer der Oberschicht. Ein absolutes Must-see keineswegs nur für historisch Interessierte!

Die Biennale in Venedig
präsentiert neben einer großen internationalen Kunstschau in neun Themenpavillons heuer auch zwei renommierte Stars der österreichischen Kunstszene im Österreich-Pavillon: Erwin Wurm und Brigitte Kowanz.
labiennale.at


Shopping-Luxus aus dem 19. Jahrhundert: die Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand.

Credits: © Fotos: 123rf, alamy; iStock; Jeremy Shaw © KÖNIG GALERIE. Foto: Trevor Good

 

 
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