INTERVIEW

Nach Bologna mit Amore


Text — Nikolaus Prokop          Fotos — Marek Knopp

Manche bezeichnen sie als die letzte wichtige Rock’n’Roll-Band des deutschen Sprachraums. Wanda selbst sehen das deutlich entspannter – und trinken erst mal im Nightjet ein Bier.


Da hat ganz Österreich – und das benachbarte deutschsprachige Ausland gleich mit – vor drei Jahren nicht schlecht gestaunt. Denn quasi aus dem Nichts war damals ein obskur betitelter herbstlicher Indie-Hit namens Bologna in den Radio-Playlists aufgetaucht, und mit ihm eine Band, die, wie man auf gut Wienerisch sagt, echt keinen Genierer kannte. Plötzlich stand da breitbeinig ein zwischen rotziger Rebellenattitüde und melancholischem Morgenkater und hin- und hertaumelnder Neuntagebart-Träger in selbstironischer Rockstarpose hinter dem Mikro, mit tief aufgeknöpftem Hemd unter der schmutzigbeigen und noch ein wenig nach Kneipenmief riechenden Kleidersammlungs-Lederjacke, mit glimmender Zigarettenkippe im Mundwinkel und einer lauwarmen Bierdose in Greifweite.
Ein Angry Young Man wie aus dem Bilderbuch, beinahe so, als hätte der bislang in einer Meidlinger Branntweinstube versteckt gehaltene Großneffe von Liam Gallagher und Helmut Qualtinger beschlossen, nun endlich ans Tageslicht zu treten, um die Geschichte des deutschsprachigen Alternative-Rock noch einmal gründlich von vorne aufzukrempeln. In heiserem, stimmlich irgendwo zwischen Adriano Celentano und Falco angesiedeltem Vorstadt-Wienerisch röhrte der zu euphorisch dahinschrammelndem Gitarrenpop etwas vom angedachten Inzest mit seiner Cousine, von gründlich geleerten Wein- und Schnapsflaschen und vom dumpfen Phantomschmerz der immer wieder recht unbequemen, weil letztlich ja sowieso stets unerfüllbaren Liebe.



„Wir waren rund 400 Tage im Ausland. Da nimmt man so einiges im Kopf mit.“
Marco Michael Wanda

 

 




„Wien ist eine Stadt, in der der Rock’n’Roll ja eher im Kopf als auf der Straße stattfindet.“

„Glückstrunkener Tresenpop in einem Paralleluniversum der schummrigen Beiseln“, nannte es der deutsche Spiegel vor zwei Jahren anlässlich der Veröffentlichung des zweiten Albums Bussi – eine Bezeichnung, die an Treffsicherheit kaum überbietbar ist und die eindeutig hungrig, oder besser gesagt: durstig auf mehr macht. Denn ein Wanda-Album ist ähnlich hinterhältig wie ein kleines Bier: Frisch, überschäumend und verlockend kommt es daher, und hat man das erste einmal intus, geht locker noch ein zweites, ein drittes …

Doch apropos: Wie sieht es eigentlich, nach bald zwei Jahren Wartezeit, mit Werk Nummer drei denn nun tatsächlich aus? 


Keine Sorge, versichern Frontman Marco Michael Wanda und Gitarrist Manuel Christoph Poppe, während sie sich's im Schlafwagenabteil des ÖBB Nightjets Richtung Bologna gemütlich machen: Trotz intensivsten Tourneelebens sei die Studioarbeit inzwischen keineswegs auf der Strecke geblieben. Und während die unvermeidliche nächste Bierdose geknackt wird, kommt ganz und gar nicht nur das für Herbst vorgesehene neue Album zur Sprache. Denn, so stellt sich bald heraus: Die beiden Herren haben als Hauptberuf zwar den Rock'n'Roll gewählt, im Zugabteil werden sie jedoch schnell ein wenig philosophisch.
 





„Man muss reisen – wer viel reist, verliert die Angst vor dem Fremden!“
Marco Michael Wanda

 

Man sagt gerne von euch, dass ihr die neue Revolution des deutschsprachigen Rock'n'Roll seid. Doch wie definiert man eigentlich als Wiener den Begriff des Rock'n'Roll?
Marco Michael Wanda: Wien ist ja nach wie vor im Grunde eine sehr brave, saubere und bürgerliche Stadt, der Rock’n’Roll findet hier ja eher im Kopf als auf der Straße statt. Und eigentlich ist der Rock’n’Roll heute ja eher von einer Lebenseinstellung zu einem Marketingprodukt geworden, zu dessen Verkauf wir jetzt nicht unbedingt noch mehr beitragen müssen – das haben wir in den letzten Jahren ja ohnehin schon sehr brav gemacht (lacht).

Klingt da am Ende so etwas wie eine gewisse Distanz zum eigenen Beruf als Rockstar durch?
Manuel Christoph Poppe: Sich selbst als Rockstar zu sehen, ist eine Sache, die man ja nicht wirklich ernst nehmen kann. Wir sehen uns stattdessen eher als so etwas wie emotionale Dienstleister. Der Rock’n’Roll geht ja ursprünglich auf den Blues zurück, der in den Südstaaten der USA Ende des 19. Jahrhunderts entstand, die Musik der damaligen afroamerikanischen Arbeiter auf den Plantagen, vor allem aber auch beim Bau der großen Eisenbahnlinien.

In seinen Wurzeln ist der Rock’n’Roll also eine Arbeitermusik. Und auch wir verstehen uns eher als Arbeiter – oder vielleicht auch als Handlungsreisende in Sachen Musik, wenn man so will.

Wie würde denn ein klassischer Rail-road-Blues klingen, würde er von Wanda stammen?Woody Guthrie hat ja den Train 45 besungen, Bob Dylan den Slow Train Coming, die Stones den Silver Train ...
Marco Michael Wanda: ... und Jimi Hendrix Hear My Train A Comin’ (lacht). Ein solcher Song hätte bei uns wahrscheinlich keinen Titel, aber dafür ein sehr bestimmtes Gefühl. Und da wir ja gerade in einem Zugabteil sitzen: Für mich geht es dabei vor allem um eine Reise, die in das eigene Innere führt, ein Versuch, sich selbst auf die Spur zu kommen. Albert Camus hat einmal gesagt: „Der moderne Schriftsteller wird ein Reisender sein“, und das sehe ich als Songwriter und Texteschreiber nicht viel anders. Und ich denke, als Mensch hat man eine gewisse Verpflichtung, zu reisen: Wer reist, verliert die Angst vor dem Fremden – ein Thema, das ja gerade in Zeiten wie diesen wieder besondere gesellschaftliche Relevanz hat. Wir waren jetzt rund 400 Tage im Ausland unterwegs, da nimmt man schon so einiges an Impressionen mit.

 
Was wäre das zum Beispiel? Welche Reisesouvenirs landen da so im Lauf einer Tournee im Wanda-Gitarrenkoffer?
Manuel Christoph Poppe: Während der Konzerte ist der Dialog, der Energieaustausch mit dem Publikum für uns ein sehr entscheidendes Element. Und diesen Dialog suchen wir auch abseits der Bühne, was öfter dazu führen kann, dass wir nächtelange Lokaltouren mit Einheimischen unternehmen und das Morgengrauen in Stadtgegenden erleben, die wir sonst nie kennengelernt hätten (lacht). In Berlin habe ich so zum Beispiel mein After-Work Bier um sieben Uhr morgens in einer legendären Kreuzberger Kneipe namens Schlawinchen getrunken, die es dort schon seit Ewigkeiten gibt und die rund um die Uhr geöffnet hat. Oder in Hamburg auf der Reeperbahn in aller Herrgottsfrühe noch ein offenes Lokal gesucht und dann den Silbersack gefunden, eine typische alte Kiez-Kaschemme, in der seit der Fifties-Schlagerära von Freddy Quinn die Zeit stehen geblieben ist. Je mehr man reist, desto mehr lernt man Orte und Menschen von ihren charmanten – oder manchmal auch uncharmanten – Seiten kennen. Obwohl ich ja eigentlich ein ziemlich unorganisierter Reisender bin. Es soll schon vorgekommen sein, dass wir auf Tour waren, und ich hatte keine Unterwäsche dabei.


„Der Rock’n’Roll ist für mich eine Reise, die in das eigene Innere führt, ein Versuch, sich selbst auf die Spur zu kommen.“

 




„Wir sind keine Rockstars. Wir sind emotionale Dienstleister.“
Manuel Christoph Poppe

Die braucht man ja auch offenbar nicht, um trotzdem die größten Hallen Österreichs und Deutschlands zu füllen. Oder um vom deutschen Musikexpress hymnisch als die „vielleicht letzte wichtige Rock’n’Roll-Band unserer Generation“ beschrieben zu werden. Steigt einem dieser Erfolg bei aller Bodenständigkeit nicht trotzdem manchmal zu Kopf?
Marco Michael Wanda: Ich muss ganz ehrlich und demütig sagen, dass wir von etwas profitieren, was ja schon lange vor uns da war. Etwas, was mittlerweile seit über zehn Jahren als Phänomen existiert und von der Musikpresse wie vom Publikum mit großem Interesse aufgenommen wird. Von uns spricht man seit rund drei Jahren, aber Galionsfiguren der Wiener Szene wie z.B. Der Nino aus Wien haben schon weitaus früher bewiesen, dass man wieder gute Pop- und Rockmusik mit Wiener Texten machen kann. Nino verehren wir übrigens heiß und innig, und sein neues Album Wach geht hiermit als dringende Empfehlung an alle Fans hinaus, solange wir uns mit der Veröffentlichung unseres eigenen nächsten Albums noch ein klein wenig Zeit lassen. 
Apropos drittes Album: Von Amore bis Bussi dauerte es nur ein knappes Jahr, nun ist die Wartefrist schon deutlich länger. Wann darf tatsächlich mit einer neuen Wanda-Scheibe gerechnet werden?
Manuel Christoph Poppe: Das ist jetzt ein wirklich feierlicher Moment und eine der ersten Gelegenheiten, bei der wir das offiziell verkünden können (lacht): Das neue Album ist komplett fertig eingespielt, und mit einer Veröffentlichung ist voraussichtlich im kommenden Herbst zu rechnen. (Anm. der Red.: Das neue Album „Niente“ erscheint am 6. Oktober 2017)

Und was wird darauf zu hören sein?
Marco Michael Wanda: Da wollen wir noch nicht allzu viel verraten – wir sind ja nicht unbedingt die großen Feinschleifer, wir vertrauen gerne der Energie des Augenblicks und glauben jedenfalls fest an das, was da im Studio passiert ist. Wir haben sogar mit neuen Klängen experimentiert, wenn man genau hinhört, ist sogar eine Engelsharfe darauf zu erkennen. Es ist jedenfalls mit Sicherheit das beste Album, das wir jemals gemacht haben. Und es wird sich mit Sicherheit am schlechtesten verkaufen (lacht)! 
 

 

Die Band

Wanda wurde 2012 in Wien gegründet. Ihren Namen hat die Band von der legendären Wiener Zuhälterin Wanda Kuchwalek entlehnt, die in den siebziger Jahren in einem Unterwelt-Café in der Wiener Leopoldstadt residierte.

Tante Ceccarelli aus dem Song Bologna hat tatsächlich existiert:
Sie war eine in Bologna lebende Verwandte Marcos, auf deren Mandolinensammlung er als Kind seine ersten Rockakkorde spielte – der Familienlegende zufolge klang das Ergebnis sofort nach der Grunge-Band Nirvana.






Credits: © Foto: Julia Zisser / LiaArts; Florian Senekowitsch, Problembaer Records
 
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